Aus den Schulmitteilungen

Eine 12jährige Kraftquelle

Erwartungen und Enttäuschungen

Die Schule ist ein Ort der gegenseitigen Erwartungen. Dies gilt nicht nur für Schüler und Lehrer, sondern auch besonders für Eltern. Alle Eltern haben sicher die gleiche berechtigte Erwartung, dass es ihrem Kind gut gehen möge, dass es sich gut entwickeln werde. Wer könnte dem widersprechen? Darüber hinaus kommen auf die Schule, die Lehrer, aber meist noch unzählige weitere Erwartungen von Elternseite hinzu, je nach persönlicher Einstellung, pädagogischer Überzeugung, Familiensituation oder Lebenserfahrung. Die Steinerschulen sind mit dieser Erwartungshaltung noch in viel stärkerem Masse konfrontiert als eine Staatsschule. Zum einen erwarten die Eltern von dieser Schule „etwas Besonderes“, weil sie diese Schule aus ihrer Sicht bewusst als Alternative zur Staatsschule gewählt haben, zum anderen stellen die Lehrer diese Schule immer auch als etwas Besonderes heraus – und wecken damit grosse Erwartungen. Nicht zuletzt verzichten Eltern in der Schweiz sogar auf einen erheblichen Anteil ihres Einkommens, um für ihre Kinder in den Genuss dieses „Besonderen“ zu kommen. Dabei klaffen die Erwartungen teilweise allerdings erheblich auseinander und nicht selten kommt es deshalb zu Konflikten. Entweder zwischen einzelnen Eltern und einem Lehrer, einem Teil der Elternschaft und einem Lehrer oder auch innerhalb der Elternschaft selbst.

Man mache sich dies nur einmal an einem so schlichten Thema wie den Hausaufgaben klar. Es gibt Eltern, die erwarten von den Lehrern ihrer Kinder tägliche Aufgaben, es gibt in derselben Klasse andere Eltern, die gerade deshalb ihre Kinder auf eine Steinerschule schicken, weil sie gehört haben, es gäbe dort keine oder zumindest viel weniger Hausaufgaben. Wie sich der Lehrer auch entscheidet, schon muss er anscheinend einen Teil seiner Elternschaft enttäuschen.

Je höher die Erwartungshaltung, umso grösser die Gefahr der Enttäuschung. Hatte man sich nicht von der Steinerpädagogik, von dieser Schule, von diesem Lehrer, von diesem Fach mehr versprochen? Und nun das: Das Kind kann Ende der 3.Klasse immer noch nicht fehlerfrei schreiben, der Sohn bringt in der 6.Klasse immer noch keinen vollständigen Satz selbstständig auf Französisch heraus und Anfang der 9.Klasse stellt sich heraus, dass ein geplanter Übertritt der Tochter an das Gymnasium ohne zusätzliche Nachhilfe nicht zu bewerkstelligen ist. Was ist das für eine Pädagogik, was ist das für eine Schule, was sind das für Lehrer?

Immer wieder werde ich mit diesen oder ähnlichen Erwartungen und Enttäuschungen von Eltern konfrontiert, als direkt betroffener Lehrer oder als Vermittler in Konfliktsituationen zwischen Eltern und Lehrern. Manches Elternhaus hat sich leider frühzeitig verabschiedet, weil die Erwartungen buchstäblich ent-täuscht wurden, vielleicht auch weil sie nicht frühzeitig genug geäussert, bzw. gegenseitig geklärt wurden.

Sicher lassen sich an einem solch konfliktträchtigen Ort wie einer Schule, in dem es um das Wohl des Kindes, des höchsten Gutes der Eltern, geht, Konflikte letztlich nicht gänzlich vermeiden. Es reduziert potentielle Konfliktherde aber sehr, wenn sich insbesondere die Schule, die Lehrer, frühzeitig darum bemühen, die hohen Erwartungen der Eltern auf eine realistische Grundlage zu stellen. Dazu gehört meiner Ansicht nach unbedingt, dass Eltern vor oder bei Eintritt in die Steinerschule etwas über deren Hintergründe, Intentionen und Praxis erfahren, so dass sie wissen, was auf sie zukommt.

Denn es wird den Eltern einiges abverlangt.  Und damit ist nicht nur das Schulgeld, die Teilnahme an Elternabenden und Schulfesten oder die Mitarbeit in Schulküche und Basar gemeint. Es wird ihnen ein gewisses Verständnis, eine Kenntnis für die vielen „Besonderheiten“ dieser Pädagogik abverlangt, ohne die es recht unwahrscheinlich erscheint, dass sie die volle Schulzeit „durchhalten“. Ohne die Hintergründe zu kennen, wird es auch schwierig bleiben, dem Druck der Umwelt standhalten zu können: „Was, Euer Kind geht auf eine Steinerschule? Ist das nicht eine Schule für schwierige Kinder, die ihren Namen tanzen sollen?“ Nicht zuletzt sollte man verstehen, warum die Steinerschulen dem gesellschaftlichen Druck der vorherrschenden neoliberalen Wirtschaftsdoktrin widerstehen, reibungslose Zulieferer von zukünftigen kritiklosen Produzenten und Konsumenten in möglichst kurzer Zeit zu sein.

Es braucht heute wie gestern Mut, Kraft und eine Spur Widerstandsgeist, um in der heutigen Zeit „Steinereltern“ zu sein!

Deshalb möchte ich im Folgenden eine kleine Einführung in die Hintergründe dieser manchmal so merkwürdig und fremd anmutenden Pädagogik geben.

Intention der Schulgründung

Kurz nach dem 1.Weltkrieg wurde 1919 in einer historisch einzigartigen Situation die erste Steinerschule als „Freie Waldorfschule“ 1  in Stuttgart eröffnet, nachdem Rudolf Steiner in einem 14-tägigen Seminarkurs von ihm ausgewählte Lehrer und Lehrerinnen in methodisch-didaktischen Fragen vorbereitet hatte.

Rudolf Steiner verband mit der Schulgründung einen mehrfachen sozialen Zukunftsimpuls:

-   eine Schule für Mädchen und Jungen (koedukativ)

-   eine einheitliche Schule für alle Begabungen (Gesamtschule)

-   eine 12-jährige Schulbildung für alle Gesellschaftsschichten

Dieser Schulimpuls sollte dazu beitragen, die damals wie heute vorhandene soziale Spaltung der Gesellschaft zu überwinden

Heute erscheint es für uns normal, dass Mädchen und Jungen zusammen unterrichtet werden, damals war es revolutionär. Aber heute ist eine Gesamtschule in der Schweiz immer noch kein Thema, in Deutschland wurden in den 70er Jahren zwar einige staatliche Gesamtschulen gegründet, doch erst nach dem Pisaschock kommt das Thema ernsthaft in Schwung. Selbst die erfolgreichste westliche Bildungsnation, Finnland, hat sie bisher nur bis zum Ende des 9.Schuljahres umgesetzt. So ist die gemeinsame 12-jährige Schulzeit bis heute weltweit im staatlichen Bildungssystem nicht zu finden. Aber warum überhaupt 12 Jahre Schule?

Wodurch zeichnet sich die Steinerpädagogik aus und worin unterscheidet sie sich?

Die Steinerpädagogik beruht auf einem in sich  zusammenhängenden Menschenbild, dass R.Steiner in vielen Schriften und Vorträgen anfänglich entwickelt hat und welches jeder, der sich mit diesen Fragen beschäftigt, aufgerufen ist, weiter zu entwickeln.  Man muss als Eltern dieses Menschenbild nicht teilen, aber man sollte wissen, dass Steinerlehrer in der Regel davon ausgehen, dass es eine vorgeburtliche und eine nachtodliche Existenz gibt, dass nicht nur eine körperliche und seelische Existenz, sondern auch eine unteilbare geistige Individualität jedes einzelnen Menschen für real gehalten wird, die sich in aufeinanderfolgenden Inkarnationen weiterentwickelt. Damit ist der Mensch nicht nur ein Produkt aus Vererbung und Umwelt. Insofern haben sowohl Eltern als auch professionelle Erzieher, die Lehrer, die Aufgabe, den sogenannten Wesenskern  des Kindes nicht anzutasten. Das ICH des Kindes bleibt tabu! Eltern und Lehrer tragen aber dazu bei, dass Leib und Seele des Kindes als „Instrument“ für diesen über viele Jahre stattfindenden Inkarnationsprozess so ausgebildet werden, dass sich die Individualität des Kindes darin möglichst frei entfalten kann und seine im Vorgeburtlichen gefassten Impulse auf der Erde im Erwachsenenalter verwirklichen kann.

Rolle der Anthroposophie

An dieser Stelle sei auch etwas zur Rolle der Anthroposophie gesagt: Anthroposophie ist nicht eine Form von Religion und auch kein abgeschlossenes Gedankensystem, sondern ein Weg, eine Methode, um Erkenntnisse von Welt und Mensch zu gewinnen. Wer diesen inneren Schulungsweg mit seinen Übungen zur Ausbildung des Gedanken-, Gefühls- und Willenslebens geht, kann durch eigene „geistige“ Erfahrungen Kenntnis darüber erlangen, dass es eine „übersinnliche“ Welt gibt, aus der das  individuelle Wesen des Menschen stammt. Der Lehrer unterrichtet nicht Anthroposophie oder „anthroposophische Inhalte“, sondern er gebraucht die anthroposophische Gedankens-, Gefühls- und Willensschulung als Arbeitsmethode für sich.

Lehrplan

Auf Grund dieses Menschenbildes ergibt sich auch der sogenannte Lehrplan der Steinerschulen, der in vielen Dingen vom Lehrplan der staatlichen Schulen abweicht und dies aus den verschiedenen Entwicklungsphasen des Kindes begründet. Warum z.B. in der 4.Klasse das Bruchrechnen eingeführt wird, warum in der 6.Klasse die erste Physik stattfindet, warum die Steinerschule ihren Schülern mehr Zeit für das Schreiben- und Lesenlernen lässt, dies sollte der Klassen- oder Fachlehrer aus der Entwicklung des Kindes heraus begründen können –  und nicht aus Gründen einer späteren wirtschaftlichen oder sonstigen gesellschaftlichen Verwertbarkeit oder gar aus den sich häufig wechselnden Erlassen einer vorgesetzten Kultusbehörde.

Besonderheiten

Man kann sich heute auf Veranstaltungen, Flyern oder im Internet über Steinerschulen schnell und praktisch informieren. So wissen interessierte Eltern heute über deren besondere äusseren Merkmale im Allgemeinen recht gut Beschied. Was sich aber hinter solchen Schlagworten wie

-   langjährige Beziehung zum Klassenlehrer

-   stabile Klassengemeinschaft

-   Epochenunterricht

-   Fremdsprachenunterricht ab der 1.Klasse

-   künstlerische und handwerkliche Schwerpunkte in vielen Fächern

-   Eurythmie

-   usw.

verbirgt, das muss in der Regel der Klassen- oder Fachlehrer von Beginn der 1.Klasse an auf Elternabenden immer wieder transparent darstellen. Besonders in Zeiten, in denen manche der aufgeführten Punkte kein Alleinstellungsmerkmal der Steinerpädagogik mehr sind (weil staatliche Schulen inzwischen manches übernommen haben), wird es immer wichtiger, das tatsächliche Alleinstellungsmerkmal nachvollziehbar zu machen: die oben skizzierte Menschenkunde, der daraus resultierende Lehrplan und die daraus resultierenden Lehrmethoden. Elementar ist es, dass Eltern von den Lehrern rechtzeitig darüber aufgeklärt werden, warum – menschenkundlich begründet – in der Steinerschule

-   manches früher kommt (Fremdsprachen, Bruchrechnen, Algebra)

-   manches später kommt (Rechtschreibtraining, Grammatik, Informatik)

-   manches umfangreicher unterrichtet wird (künstlerisch-handwerkliche Fächer)

-   manches weniger umfangreich (Deutsch-, Mathe-, Fremdsprachenstunden in der Oberstufe)

-   manches methodisch völlig anders unterrichtet wird (Naturwissenschaften).

Eltern sollten sich auch klar darüber werden, dass nicht jedes Kind den vergleichbaren Stand von Staatsschülern am Ende jedes Schuljahres haben wird,

-    weil die Steinerschule eine Gesamtschule ist und die Begabungen

völlig unterschiedlich in einer Klasse sind

-    weil die reine, kognitive Wissensvermittlung nicht im Vordergrund

steht, sondern grösster Wert auf selbständiges Denken,

künstlerisches Empfinden, handelnde Praxistauglichkeit und hohe

Sozialkompetenz gelegt wird

-    weil der Lehrplan für alle Schüler bewusst auf 12 Jahre ausgelegt

ist, um am Ende von Klasse 12 zur menschlichen „Entwicklungsreife“ zu kommen

 12 Schuljahre für alle Schüler

Für unsere Schule in Steffisburg ist es eine grosse Herausforderung Schülern und Eltern die 12jährige Schulzeit bewusst zu machen. Auf unserem Schulgelände kann man unsere 12.Klässler nicht wahrnehmen. Sie sind im besten Falle in Ittigen oder an der ROJ in Solothurn, allzu oft aber auch vorzeitig auf staatlichen Schulen oder schon in der Berufsausbildung. Bei uns fällt der Blick in den oberen Klassen (7-10) nicht selten gerne auf Probleme aller Art: Es wird zu wenig gelernt, zu wenig gefordert oder angeboten, es gibt Disziplinprobleme, Probleme mit den Lehrern, usw. Sieht und erlebt man nur noch diese Probleme, so liegt  der Schluss nahe, für seine Kinder eine Alternative zu suchen – und sei es nur die benachbarte Steinerschule. Dass es Konfliktpotential auch an anderen Orten gibt, wird dabei gerne übersehen. Und es ist tatsächlich nicht einfach zu verstehen, dass Probleme und Konflikte in der Pubertätsphase auch in der Schule entwicklungsförderlich sind.

In Steinerschulen mit einer 12.Klasse lässt sich gut beobachten, wie nach der „durchwachsenen“ Pubertätsphase in den Klassen 7-10 nun ganz neue Qualitäten in den jungen Erwachsenen aufkeimen. Welche Qualitäten schult es bei einem zukünftigen Automechaniker innerlich, wenn er sich in der 12.Klasse gedanklich mit dem Faust von Goethe beschäftigt, welche bei einem zukünftigen Akademiker, wenn er in der 12.Klasse praktisch-handwerklich in der Metall- oder Holzwerkstatt der Schule einen technischen Gebrauchsgegenstand herstellt?

Es braucht entwicklungsphysiologisch und entwicklungspsychologisch die Zeit bis zum 18./19.Lebensjahr, um sich in der Schule zum gereiften und vielseitig gebildeten Menschen zu entwickeln! Unsere Gesellschaft benötigt diese Menschen: nur sie können das Gefühl, das Verständnis und den Veränderungswillen dafür aufbringen die Gesellschaft solidarisch, gleichberechtigt und freiheitlich weiterzuentwickeln. Hier schliesst sich auch der Kreis mit Steiners Schulgründungsintention, mit seinem sozialen Dreigliederungsimpuls. 

Das Ziel der Steinerpädagogik ist es, den Schülern auf ihrem 12jährigen Schulweg genügend Unterstützung und Raum für ihre persönliche Entwicklung zu geben. Dazu gehört auch die Fähigkeit, Konflikte auszutragen und durchzuhalten. Nur so können sie ihre vorgeburtlichen Impulse als selbstbewusste, mündige und aus freien Initiativkräften handelnde Persönlichkeiten in der Welt umsetzen. Nicht umsonst lautet der Leitspruch der Steinerpädagogik: Erziehung zur Freiheit.

 

                                                                                                    Martin Carle

1 Die konkrete Schulgründung kam auf Initiative des Direktors der Waldorf-Astoria-Zigarrenfabrik, Emil Molt, zustande. Heute existieren weltweit in 60 Ländern über 1000 Steiner-, bzw. Waldorfschulen, davon ca. 30 in der Schweiz.